Selbstorganisation und Evolution

Kurzgeschichten

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In der Berliner U-Bahn

U-Bahn-Esser

Die nette Motzverkäferin

Damenwahl

Die spitzen Schuhe

B
Im menschlichen Körper

Die tierischen Energiespeicher

Die Post des Körpers

C
Biograhisches

Der Auftritt

Der Maikäfer

D
Zur Zivilisation

Die Bedeutung des Nuckels

 

Die Beziehung der Begriffe B. Köhlers (Selbstorganisation und Evolution) und der Philosophie lebender Systeme (Selbsterhaltung und Selbstentfaltung)

Der gelernte Physiker Bertram Köhler hat auf seiner Homepage Thesen zur Theorie der Selbstorganisation und Evolution veröffentlicht, die er durch seine "Prinzipien der Evolution" ergänzt und spezifiziert.
Ich zitiere hier seine Thesen zur Theorie und nehme zu jeder These Stellung aus meiner Sicht (die "Prinzipien" können auf seiner Homepage eingesehen werden:
http://www.bertramkoehler.de/Start.htm)

1.These

Selbstorganisation und Evolution sind universelle Eigenschaften der Materie, die in allen Bereichen der unbelebten und belebten Natur sowie in der Gesellschaft wirksam sind.

Mit dieser Grundthese geht die PhilS inhaltlich konform, obwohl ich die Formulierungen genau genommen für unkorrekt erachte. Das hervorragende an dieser ersten These ist die Betonung der Einheit der Natur und der Entwicklung von nichtlebender zu lebender Materie und schließlich zu menschlichen lebenden Systemen höherer Ordnung ("Gesellschaft"). Ergänzen möchte ich die Grundeinheiten der verschiedenen Evolutionsstufen, die selbst auch stets bereits ein System darstellen: Kleinste Einheit der nichtlebenden Materie ist das Atom, die kleinste Einheit lebender Materie ist die Zelle. Die kleinste Einheit der Gesellschaft ist das Individuum; in Bezug auf den Menschen das menschliche Individuum, das ich das "System Mensch" bezeichne, da es nicht nur aus lebender Materie besteht, sondern auch aus nichtlebenden inneren und äußeren Elementen (Bausteinen), wobei letztere gar keinen Kontakt zum lebenden Körper haben müssen.

Mir missfällt allerdings die Charakterisierung von Evolution und Selbstorganisation als "Eigenschaften". Evolution und Selbstorganisation sind die kausale Folge des Aufbaus und der Eigenschaften der kleinsten Bausteine der Materie, des Atoms. Bereits die kleinste Einheit der Materie, das Atom, besteht aus Masse, Ladung und Volumen, wobei von Masse und Ladung Kräfte ausgehen, nämlich Gravitationskraft und elektrische Anziehungs- und Abstoßungskraft. Außerdem befinden sich die sogenannten "Elementarteilchen" des Atoms (Positron, Neutron und Elektron) entweder in Bewegung (die Elektronen) oder zeigen innere Bewegung bei äußerer Ruhe (Positron und Neutron), besitzen also Bewegungskräfte (Elektron) Rotationskräfte (innere Kräfte) oder Kraftfelder – die Beschreibung der inneren Struktur möchte ich dem Physiker überlassen. Diese Bewegungsweisen und die Kräfte der Materie würde ich gern als "Eigenschaften" bezeichnen. Aus diesen bereits relativ zahlreichen Eigenschaften resultieren nämlich die von Bertram Köhler so genannte "Selbstorganisation" und die "Evolution". Aus meiner Sicht sollte man also "Evolution" und "Selbstorganisation" als Wirkungen beschreiben, die sich aus den Eigenschaften (als Ursachen) nichtlebender Materie naturgesetzlich ergeben. Es sind grundsätzlich immer Kräfte, die eine Wirkung entfalten. Kräfte (Ursachen) selbst sind nicht wahrnehmbar, nur ihrer Wirkungen können beobachtet werden. Äußere "Eigenschaften" von Objekten unserer Sinnesorgane sind im übrigen lediglich Resultat menschlicher Wahrnehmung.

Ich würde also die 1. These folgendermaßen formulieren:

Aus den Kräften (Eigenschaften) der Materie ergeben sich naturgesetzlich die universellen Prinzipien "Selbstorganisation" und "Evolution", die sich in der unbelebten und belebten Natur sowie in der Gesellschaft beobachten lassen.

2. These:

Die Grundprinzipien von Selbstorganisation und Evolution wirken in allen Bereichen in gleicher Weise, dabei unterliegen diese Prinzipien aber selbst der Evolution, so daß auf den höheren Stufen der Entwicklung immer neue Gesetzmäßigkeiten hinzukommen und wirksam werden. Evolution ist ein gerichteter, irreversibler Prozeß, der den Ablauf der Zeit bestimmt.

Auch diese These scheint mir richtig gedacht aber unglücklich formuliert. Denn das Prinzip "Evolution" ist und bleibt entweder ein Prinzip, oder es ändert sich, dann wäre es kein "Prinzip", selbst wenn es sich in Form einer Entwickung verändert. Kräfte und Bewegungen von Masse (oder Feldern und Schwingungen) lassen sich mathematisch beschreiben. Dies ist besonders bei makroskopischen Objekten in der Größenordnung auf dem Systems Erde, die vom Menschen ohne technische Hilfsmittel beobachtet werden können, der Fall. Was Köhler hier meint, ist wohl, dass sich die Verhaltensweisen und Vorgänge (Interaktionen, Wechselwirkungen) der Objekte durch den bebachtenden Menschen (noch) nicht einheitlich, sondern nur auf unterschiedliche Weise beschreiben lassen. So lassen sich Wechselwirkungen von Molekülen mittels chemischer "Gesetze" beschreiben und die Bewegungen makroskopischer Objekte durch die physikalischen Bewegungsgesetze. Diese sogenannten "naturwissenschaftlichen Gesetze" gelten jedoch stets nur in einem bestimmten Rahmen und setzen bestimmte Übereinkünfte voraus, die sogenannten "Definitionen".

Die Philosophie lebender Systeme behauptet nun, dass trotz dieser unterschiedlichen Beschreibungsweisen die beiden Köhlerschen Prinzipien "Selbstorganisation" und "Evolution" als Folgen der inneren Kräfte von Materie, die ich als Selbsterhaltungstendenz ("Selbsterhaltung") und Vergrößerungstendenz eines Systems ("Selbstentfaltung") beschreibe, räumlich überall und zeitlich ewig gelten, ohne dass ein neues Prinzip hinzutritt. Allerdings kommt auf den verschiedenen Entwicklungsebenen (oder Entwicklungsstufen) auch immer Neues hinzu. Das Neue sind jedoch nicht Grundkräfte, Grundstrebungen oder Prinzipien (bei mir Selbsterhaltungstendenz und Vergrößerungstendenz), sondern es sind neue Eigenschaften. So hat ein einzelnes Wassermolekül eine Dipoleigenschaft, die seine Bestandteile einzeln gar nicht besitzen, während Wasser die Eigenschaft hat, in einem bestimmten Temperaturbereich flüssig zu sein. Die neuen naturgesetzlichen Beschreibungsmöglichkeiten ergeben sich jeweils aus diesen Eigenschaften oder Fähigkeiten, wie man dies bei lebenden Systemen bezeichnet. Die hier gemeinten Naturgesetze sind übrigens statistischer Art, was man besonders gut im Bereich der chemisch formulierten Gesetze sieht (z.B. Massenwirkungsgesetzt). Im übrigen sei an dieser Stelle einmal vorwegnehmend gesagt, dass "Gesetze" im Bereich von Materiellem stets Phänomene beschreiben, die das Zusammenwirken verschiedener und mehrerer Systeme und deren Eienschaften betreffen. Über ein einzelnes, also ein isoliert existierendes, Atom, Molekül oder einen einzelnen Menschen ohne Umgebung lässt sich gar nichts "Naturgesetzliches" sagen. Naturgesetze beschreiben immer Interaktionen zwischen verschiedenen oder mehreren Systemen bzw. ihren Kräften. Diese beiden Fakten, nämlich die statistische Natur von Naturgesetzen und ihre Voraussetzung, dass mehrere und/oder unterschiedliche Systeme aufeinander wirken, sollte man immer im Hinterkopf haben.

Evolution ist ein irreversibler Prozess, wie Köhler sagt. Köhler beschreibt ihn als “gerichtet", worunter jedoch nicht zu verstehen sei, dass ein erkennbares Ziel angestrebt wird. Evolution ist nach meiner Überzeugung ein Prozess, der der Entropie entgegengerichtet ist. Betrachtet man die Wärmelehre, aus der der Prozess der Entropie ursprünglich abgeleitet wurde, so zeigen besonders die warmblütigen Tiere, dass innerhalb dieser lebenden Systeme die Temperatur konstant bleibt, was deren Höhe der Selbstorganisation entspricht. Besonders deutlich wird das Gemeinte jedoch, wenn man die wahrscheinlichkeitstheoretische Definition der Entropie oder ihre informationstheoretische Definition näher nimmt. Die wahrscheinlichkeitstheoretische Definition besagt, dass das Universum sich einem Zustand immer größerer Wahrscheinlichkeit annähert, also einer immer gleichmäßigeren Verteilung seiner Bestandteile. Das trifft auf die Evolution nicht zu. Die Evolution bringt immer unwahrscheinlichere Zustände von Materie hervor. In der Entwicklung von nichtlebenden zu lebenden Systemen und in der Evolution lebender Systeme steigt nicht die Entropie, sondern die Antientropie, oder die Extropie, wie dies auch genannt wird. Der Endzustand der Universums wäre nach der informationstheoretischen Formulierung der Entropie völlig informationslos. Die Evolution schafft jedoch innerhalb dieses geschlossenen Universums offene Systeme, deren innerer Informationsgehalt immer mehr zunimmt, die Systeme werden immer "komplexer", wie Köhler auch zutreffend sagt. Wenn dieser Evolutionsprozess irreversibel ist, andererseits jedoch das Universum als Ganzes immer mehr der Entropie entgenstrebt, wird der Endzustand dieses Universums ein gespaltener sein: Ein Teil des Universums wird masselos, ladungsträgerlos und informationlos sein und gar keine Temperatur haben (wenn Temperatur ein Maß für die Bewegung der Teilchen atomarer/molakularer Größe ist), also nur Volumen haben, im anderen Teil werden sich Information, Masse und Ladung ohne Volumen konzentrieren. Vermutlich werden sich Masse und Ladung mit Antimasse und Antiladung gegenseitig aufheben, so dass in diesem Teil reine Information, also reiner Geist, übrig bleibt.

Über das Verhältnis von Evolution und Zeit möchte ich mich nicht äußern.

Die zweite These Köhlers würde ich also folgendermaßen formulieren:

Selbsterhaltung und Selbstentfaltung finden sich in allen Bereichen der Natur. Auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung werden diese Kräfte mit Hilfe neuer Gesetzmäßigkeiten beschrieben. Evolution ist ein auf Informationszuwachs gerichteter, irreversibler Prozeß von offenen Systemen innerhalb innerhalb eines geschlossenen Universums.

3. These

Ein grundlegendes Prinzip der Selbstorganisation ist die Vereinigung von Elementen zu Systemen, in deren Inneren die Wechselwirkungen der Elemente intensiver sind als ihre Wechselwirkungen nach außen. In diesem Prozeß bilden sich hervorstechende Ordnungsparameter, welche die Dynamik des Systems bestimmen und denen sich die Bewegung der Elemente unterordnet. Dadurch erwirbt das System qualitativ neue Eigenschaften, die über die Summe der Eigenschaften der Elemente hinaus gehen (Emergenz). In der Gesellschaft ist Geld z.B. ein solcher Ordnungsparameter.

Diese These beschreibt lediglich genauer, was bereits gesagt wurde. Es entstehen eigentlich gar keine neuen Naturgesetze, sondern neue Ordnungsparameter. Dieser Begriff scheint mir sehr wertvoll und nutzbar. Man kann die Entstehung neuer Eigenschaften bei der Bildung höherer (oder komplexerer) Systeme selbstverständlich auch als Emergenz bezeichnen. Die "Elemente", die sich da zusammenschließen, sind ihrerseits ebenfalls auch schon Systeme, auch die Elementarteilchen bestehen aus Untersystemen. Diese Systeme und Untersysteme des Universums beschreibt Artur Koestler auch als "Holons".

Geld ist übrigens, wenn ich in der Terminologie Köhlers bleibe, ein relativ später Ordnungsparameter. Der zeitlich erste Ordnungsparameter menschlicher Kollektive ist die Sprache. Diese hat ihre Bedeutung einerseits in der Herstellung der inneren Struktur der Urhorde, nämlich bei der Zuweisung von Aufgaben im arbeitsteiligen Clan sowie in der Koordination dieses lebenden Systems höherer Ordnung bei ihren kollektiven Aktionen nach außen, wie der gemeinsamen Jagd oder dem Kampf gegen konkurrierende Horden. Sprache und Geld könnten auch als Emergenzphänomene betrachtet werden und es lässt sich hier zeigen, dass "Emergenz" nicht die Kausalfolge der Bildung einer höheren Einheit beschreibt, sondern einen Regelkreis. Weil nämlich aufgrund eines äußeren Drucks eine "Mutation" entsteht, also hier ein akustischer Laut als Bedeutungsträger benutzt wird, was im übrigen schon im Tierreich der Fall ist, und diese "Mutation" einen Überlebensvorteil oder eine Erhöhung der Reproduktionsrate mit sich bringt, verstärkt dies den Einsatz dieser "Mutation", die nun nicht nur beibehalten wird, sondern die sich zusätzlich auch durch positive Rückkopplung explosionsartig ausbreitet. Zu diesem Mechanismus der positiven Rückkopplung an anderer Stelle mehr. Denkt man in diesen "Ordnungsparametern" – ob der Begriff treffend ist oder verbesserbar, mag dahingestellt bleiben -, liegt vor edm Geld und der Sprache noch ein weiterer, nämlich die Sexualität. Da der Ordnungsparameter Sexualität bereits im Tierreich (und sogar im Pflanzenreich) wirkt, ist er eben nicht spezifisch menschlich. Die Ordnnug im Tierkollektiv wird bereits durch hormongesteuerte ritualisierte sexuelle Verhaltensweisen im weitesten Sinn hergestellt, damit meine ich nicht den Begattungsakt, sondern das Drumherum, angefangen von der Partnersuche und der "Balz" (wie es im Menschreich zwar nicht so genannt wird, aber die im Tierreich als "Balzverhalten" beobachtbaren Rituale sind in abgewandelter Form in menschlichen Gesellschaften ebenso registrierbar) bis hin zum Nestbau und der Brutpflege. An anderer Stelle habe ich das menschliche Berufsleben als Abwandlung der Brutpflege dargestellt. (Link zu Youtube). Die Sorge um die Ernährung wird nämlich durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten jeweils modifiziert, und in der westlichen Gesellschaft ist eine Ausbildung und anschließende Berufstätigkeit Voraussetzung für das Auffinden und Kaufen der Nahrung im Supermarkt. Es ist eben lediglich das Geld dazwischengeschaltet, woraus ja Köhler hingewisen hat, indem er es als "Ordnungsparameter" klassifiziert. Genetisch angelegte Verhaltensweisen werden durch die Umwelt oder die gesellschaftliche Umwelt lediglich modifiziert. Das, was Köhler und andere als Selbstorganisierung betrachten kann man auch als Modifizierung angeborener Verhaltensstrategien durch die realen gesellschaftlichen Bedingungen bezeichnen. Der Begirff "Selbst" ist daher unglücklich gewählt, denn die Umstrukturierung des Verhaltens (oder der Gene durch Überproduktion von Nachkommen und Selektion) erfolgt nicht etwa "von selbst", also spontan, sondern nur unter äußerem und inneren Druck. Dazu unten Genaueres.

4. These

Durch Vereinigung solcher Systeme zu übergeordneten Systemen entstehen immer komplexere hierarchisch geordnete Systeme mit immer weitergehenden Möglichkeiten und damit die höheren Ebenen der Evolution. In einer alternativen Betrachtungsweise entstehen komplexe Systeme nicht durch Vereinigung untergeordneter Systeme oder Bauteile, sondern durch Abgrenzung von ihrer Umwelt und durch Differenzierung in untergeordnete Systeme. Diese Differenzierung bedeutet aber gleichfalls eine Erhöhung der Komplexität.

Diese These stellt ebenfalls nur eine Erörterung der verhergehenden Thesen dar und kann aus meiner Sicht bestätigt werden.

5. These

Komplexe Systeme differenzieren sich und bilden unterschiedliche Teilsysteme mit immer komplexeren Wechselwirkungen und Verflechtungen. Sie sind nichtlinear aufgebaut.

Diese These beschreibt lediglich das Prinzip der Selbstorganisation genauer. Selbstorganisation ist im übrigen nicht genau das, was ich als Selbsterhaltung bezeichne, sondern eine Mischung aus Selbstentfaltung und Selbsterhaltung. Unter Selbstentfaltung verstehe ich nämlich nichts weiter als eine Größenzunahme, also ein Wachstum – und keine Evolution, also keine Entwickung. Das muss betont werden. Die von Köhler hier beschriebene Selbstorganisation ergibt sich einerseits aus dem Wachstum, der Größenzunahme. Die Größenzunahme stellt nämlich neue Anforderungen an die innere Organisation eines Systems. So muss in lebenden Systemen der Energietransport innerhalb des Systems ab einer bestimmten Größe neu organisiert werden, damit es überleben kann (damit also die Selbsterhaltung gesichert werden kann). Der Mehrzeller benötigt im Vergleich zum Einzeller ein zusätzliches Transportsystem für Materie und Energie usw.. Die Aufgaben, die innerhalb des Einzellers von Organellen erfüllt werden, werden im Vielzeller einzelnen Organen übertragen. Die einzelnen Zellen des Gesamtsystems müssen also nicht alle Funktionen, die genetisch angelegt sind, ausführen, sondern nur einzelne Aufgaben, so dass die Zellen mit gleichen Funktionsschwerpunkten als Organe innerhalb dieses Merzellersystems zusammengefasst werden.

Langsam scheint die Menschheit in verschiedenen Teilen zu begreifen, dass sie in Wechselwirkung mit der übrigen lebenden Systemen und der unbelebten Natur auf dem System Erde steht und von diesen auch abhängig ist. Wie ich in meinem Buch "Zivilisation als Fortsetzung der Evolution" beschrieben habe, ist die Menschheit dabei, sich von ihrer überholten inneren Struktur der Aufteilung in Staaten zu trennen und angemessenere Strukturen zu bilden. Staaten in ihrer bisherigen Form sind nicht nur überflüssig, sondern sie gefährden die Zukunft der Menschheit.

Der wesentliche Unterschied meiner Beschreibung der Natur und der des geschätzten Herrn Köhler besteht darin, dass ich in meiner "Philosophie lebender Systeme" nicht die Evolution als ein Prinzip betrachte, sondern die einfache Vergrößerungstendenz der Systeme. Diese ist bereits in nichtlebenden Systemen zu beobachten, aber besonders in lebenden Systemen. Lebende Systeme wachsen ständig, wobei nicht erst auf der Entwicklungsstufe "Mensch" die Individuen weiterwachsen (die Größe Biene, des Löwen o.a. Individuen nimmt nicht in diesem Sinn weiter zu), sondern die Art wächst ständig. Die Art wächst durch ständige Zunahme der Zahl der Individuen, die ihr angehören. Keine Art würde sich "von selbst" (oder selbstorganisierend) zu einer anderen Art entwickelt. Es wäre nicht einmal zur Evolution von Einzellern zu Mehrzellern gekommen. Der Grund für die beobachtbare Evolution liegt außerhalb der Systeme, nämlich in ihrer Umwelt. Die Umwelt setzt der Vergrößerung durch Wachstum bzw. Vermehrung der Individuenmenge Widerstand entgegen: die Temperatur der Umwelt ändert sich ständig (Tag und Nacht-Änderungen, jahreszeitliche Änderungen und Klimaveränderungen), die Nahrung wird mal knapp, mal ist sie reichlich vorhanden. Für Pflanzen sind bestimmte Tiere eine feindliche Umwelt, für Pflanzenfresser stellen Tierfresser (Fleischfresser) eine feindliche Umwelt dar. Für Fische stellen die Kaulquappen (die Kinder der Frösche) zeitweise eine vortreffliche Nahrung dar, würden sie jedoch alle Kaulquappen fressen, würde die nächste Generation verhungern. Es sind also die unterscheidlichen Umwelten für jedes lebende System der Größenordnung "Art", die der ständigen Größenzunahme des Systems, seinem Wachstum bzw. seiner "Selbstentfaltung", einen Widerstand entgegensetzen. Und das, was wir als Evolution beobachten, ist lediglich das Resultat aus der Wachstumskraft des lebenden Systems und der diesem Wachstum entgegengerichteten Kräfte seiner Umwelt, die aus nichtlebender Materie, also der physikalischen Umwelt, besteht, sowie aber auch aus der lebenden Umwelt, aus den lebenden Systemen (Pflanzen und Tieren), die für dieses System einerseits Nahrung darstellt und sein Wachstum fördert, so lange sie vorhanden ist, aber auch das Wachstum des Systems hemmen kann, wenn sie nicht mehr vorhanden ist oder wenn die Individiduen dieses lebenden Systems für andere lebende Systeme Nahrung darstellen. Jedes lebende System höherer Ordnung (eine Tierart oder eine menschliche Gesellschaft, organisiert als Staat) wird zeitweilig oder ständig in seinem Wachtum durch seine Umgebung behindert oder zeitweilig gefördert. Für die Evolution sind die Behinderungen entscheidend. Diese stellen Kräfte dar, die der Wachstumskraft entgegengerichtet sind. Aus diesem Kräftediagramm resultiert die sogenannte Evolution. "An sich" wohnt jedem lebenden System diese Wachstumskraft inne, die ich Selbstentfaltung nenne, nicht nur die Art "will" sich vergrößern durch diese Wachstumskraft, die sich bei zweigeschlechtlich sich vermehrenden Arten im sexuellen Verhalten zeigt, sondern auch das menschliche Individuum vergrößert sich aufgrund dieser ihm inhärenten (= innewohnenden) Kraft ständig, Zeit seines Lebens.

"Selbstorganisation" und "Evolution" stellen sich also nicht verursachende oder wirksame "Prinzipien" dar, sondern sie sind Folge der Kräfte, die in der Natur, in der Materie, wirken. Der Masse, also einem Teil von Materie, wohnt eine Wachstumskraft inne, die sogenannte "Gravitation". Diese Wachstumskraft wirkt auch in lebenden Systemen, hier beschreibbar als innere Vergrößerungskraft (Selbstentfaltung).

Ab einer bestimmten Größe muss sich jedoch das lebende System umorganisieren, oder es überlebt nicht. Seine eigene Größe stellt neue Anforderungen an die innere Organisation. Gelingt dem System diese Umorganisierung, so überlebt es, anderenfalls wird es negativ selektiert (Nach Darwin besteht die Selektion in der positiven Auswahl der "fitteren" Individuen, also denjenigen, die besser in die Umwelt passen. Umgangssprachlich wird unter "Selektion" häufig das Gegenteil verstanden, nämlich dass die Schwächeren von den Stärkeren gefressen werden.) "Selbstorganisation" beschreibt im Bereich lebender Systeme eine Anpassung nach innen, eine Veränderung innerhalb des Systems, eventuell durch eine Mutation, die den lebenden Körper des Individuums so verändert, dass seine Größe zunehmen kann. Auf der Ebene lebender System höherer Ordnung, also der Ebene menschlicher Gesellschaften beispielweise, bedeutet diese innere Umstrukturierung die Erfindung neuer Möglichkeiten zur Änderung der inneren Struktur der Gesellschaft mit der Folge einer Vergrößerungsmöglichkeit. In menschlichen Gesellschaften war es zunächst die Sprache, die eine Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten und der Organisierung des Zusammenlebens, ermöglicht und somit einerseits die die Bildung größerer Gruppen ermöglicht, die sich besser in ihrer Umwelt durchsetzen können, und damit ermöglicht dieser neue "Ordnungsparameter" im Sinne Köhlers auch das Überleben (die Selbsterhaltung) des Kollektivs. Später war es das Geld als Ordnungsparameter, der den Warenfluss verbesserte. Nicht zu vergessen sind die Erfindung des Rades und der Straßen, also die Verbesserung der Transportmöglichkeiten innerhalb des Systems "menschliche Gesellschaft". Aktuell ist es die Verbesserung der Informationsspeicherung des Individuums durch die Erfindung des Computers, der die Gedächtnisleistung und die Rechenleistung des menschlichen Gehirns nahezu unendlich vergrößert sowie die Globalisierung der Kommunikation durch das Internet. Ein System, das ja innerhalb des Universums stets begrenzt ist, wenn auch mehr oder weniger offen, verändert seine Innenstruktur nur unter äußerem oder inneren Druck. Bei Gasen ist diese der Außendruck oder eine Temperaturänderung, was auch negativ als Energieabzug (Energieverlust) erfolgen kann, aber auch bei lebenden Systemenerfolgt eine Strukänderung wahrscheinlich nie spontan – wenn auch die Ideen dazu da sind -, sondern nur, wenn ein äußerer oder innerer Druck hinzukommt. Da lebende Systeme ständig Energie bzw. Energieträger in ihr System importieren müssen um daraus Egenenergie zu erzeugen, handelt es sich im Grunde immer um die Energiezufuhr, deren Abnahme einen Druck erzeugt. Diesen spürt der Mensch (und das Tier) als Hunger, und wird erfinderisch, wenn der Hnger auf bisherige Art nicht zu stillen ist. Er erfindet dann Ackerbau und Viehzucht, oder entdeckt externe Energieträger, wie die Kraft des herabfließenden Wassers, der Kohleverbrennung, der Benzinverbrennung, der Stromerzeugung aus Wind, Sonne und Atomraft usw.. Die menschliche Zivilisation ist beschreibbar als ständige Umstrurierung (oder Anpassung) an Energieverknappung oder drohende Energieverknappung. Unter dem Aspekt der Energieersparnis hat bereits Wilhelm Ostwald 1909 die Zivilisation beaschrieben (er spricht dabei allerdings von "Kultur"), sowie auch ich in "Zivilisation als Fortsetzung der Evolution".

Die "Evolution" ist ebenfalls eine Veränderung des Systems, die durch seine Umgebung erzwungen wird. Die Umwelt verhindert, dass das System so bleibt, wie es ist. Entweder es verändert sich und passt sich den Umweltveränderungen an, oder es geht unter. Die äußeren Kräfte, die ein Überleben (die Selbsterhaltung) des Systems verhindern – das können physikalische Kräfte, wie die Umgebungstemperatur sein, oder die Kräfte anderer lebender Systeme, die das System zur Energiegewinnung (Nahrung) benötigen und es ausrotten, weil dessen Individuen sich schneller bewegen können, oder ein anderes lebendes System, mit dem es um die Energie konkurrieren muss, wie ein anderer Staat, der seiner Konkurrenz das Erdöl wegkauft oder mit roher Gewalt wegnimmt.

Das lebende System, das sich durch schnellere Entwicklung mehr Energie aneignen kann, überlebt und kann wachsen. Die Kraft, die ein System zu seiner Erhaltung drängt (Selbsterhaltung) und die Kraft, die es zu Vergrößerung antreibt (Selbstentfaltung) wirken also synergistisch und führen zu den Phänomenen "Selbstorganisation" (nach innen) und "Evolution" (von außen sichtbare Veränderung). Die Prinzipien im Sinne der Philosophie lebender Systeme sind also die "Selbsterhaltung" und "Selbstentfaltung" (die beiden inneren bewegenden Kräfte eines lebenden Systems), während die Köhlerschen Prinzipien "Selbstorganisation" und "Evolution" von mir als Reaktionsmöglichkeiten betrachtet werden, wenn Energieverknappung die Selbsterhaltung oder das Wachstum (Selbstentfaltung) beeinträchtigt oder zu verhindern droht.

Folgerungen für die Menschheit

Inzwischen ist das Wachstum des Systems Menschheit an einem Punkt angekommen, an dem eine innere Umstrukturierung notwendig ist zum Überleben, aber selbst ein Gelingen dieser erforderlichen Umstrukturierung würde ihr Überleben auf Dauer nicht sichern, da ihr Energieverbrauch zu einer Umweltveränderung führt, die das Überleben gefährdet. Dies einerseits durch die von der Menschheit herbeigeführte und zur Energiegewinnung erforderliche Veränderung der physikalischen Umwelt, andererseits durch die atomare Bedrohung durch den Abfall der Atomkraftwerke und die nuklearen Vernichtungswaffen, deren unterirdische Testung die Plattentektonik der Erdkruste verändert und zu Erdbeben, Tsunamies, Vulkanausbrüchen u.a. "Natur"katastrophen führt (die allerdings menschengemacht sind). Andererseits kann selbstverständlich ein immer unkontrollierbarer werdenden Einsatz dieser Atomwaffen zur kurzfristigen Auslöschung des Lebens führen.

Das System Menschheit muss daher seinen Energieverbrauch kurzfristig entscheidend senken. Dies kann einerseits durch eine drastische Reduzierung der Menschenmenge auf der Erde geschehen, beispielsweise durch einen vorübergehenden globalen Geburtenstopp und eine anschließende Geburtenkontrolle, andererseits durch eine Reduzierung des durchschnittlichen Energieverbrauchs der menschlichen Individuen. Da jedem lebenden System ein Kraft inhärent ist, die auf ein ständiges Wachstum gerichtet ist, kann dies nicht gelingen, wenn dieses Wachstum der Individuen und der Gesellschaften (Staaten) durch eine Größenzunahme der Materie realisiert wird. Materielle Größenzunahme bedeutet mehr Verbrauch an Energie. Der Energieverbrauch könnte jedoch zwanglos dadurch entscheidend gesenkt werden, dass die naturgesetzlich der Materie und damit auch den "Systemen Mensch" inhärente Wachstumskraft nicht mehr im materiellen Bereich erfolgen würde, sondern von den Menschen in den geistigen Bereich umgelenkt werden würde. Es müsste also lediglich - global betrachtet - das Bedürfnis nach Wachstum nicht mehr im materiellen Bereich befriedigt werden, sondern auf das geistige Wachstum des menschlichen Individuums umgelenkt werden. Tatsächlich ist die gegenwärtige Tendenz genau umgekehrt: materielles Wachstum wird durch religiöse und weltanscheuliche Ideologien ("Wachstumswahn"), Propaganda (Werbung) gefördert und steigt ständig einerseits durch Vergrößerung der Erdbevölkerung und andererseits durch Zunahme des Energieverbrauchs der Individuen. Das geistige Wachstum sinkt jedoch durch die niedrige Geburtenrate der geistig Interessierten und die hohe Geburtenrate derjenigen, die nicht am Wissen und einer Entwicklung ihres Geistes im Diesseits interessiert sind, sondern ihr Glück aufgrund irrationaler Glaubensvorstellungen in einem Leben nach dem Tode im Jenseits suchen oder ihr Glückserleben durch ständig zunehmenden Konsum befriedigen.

Wenn keine grundsätzlich Umsteuerung vom materiellen zum geistigen Wachstum erfolgt, wird die Menschheit untergehen. Materielles Wachstum und Überleben des Systems Menschheit stellen einen nicht auflösbaren naturgesetzlichen Widerspruch dar, da die Energiemenge des Systems Erde begrenzt ist. Entweder passt sich die Menschheit global betrachtet an die Energiemenge an, die das System Erde zu liefern im Stande ist und ändert selbstorganisierend ihre innere Struktur, oder sie wird sich zu Tode wachsen. Es werden dann andere lebende Systeme die Herrschaft übernehmen, die ebenfalls irgendwann untergehen werden, wenn sie nicht in der Lage sind, ihr Wachstum selbst zu steuern, wenn keine Außensteuerung durch Fressfeinde mehr vorhanden sind.

Rudi Zimmerman, Berlin, Mai 2011

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