Die Selbstausbeutung - Byung-Chul Han

Kurzgeschichten

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In der Berliner U-Bahn

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Die nette Motzverkäferin

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Die spitzen Schuhe

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Im menschlichen Körper

Die tierischen Energiespeicher

Die Post des Körpers

C
Biograhisches

Der Auftritt

Der Maikäfer

D
Zur Zivilisation

Die Bedeutung des Nuckels

 

Die Selbstausbeutung

1. Der Begriff der Selbstausbeutung (Byung-Chul Han)

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin

Sie haben vermutlich noch nie etwas von Herrn Han gehört. Dem südkoreanischen Philosophen, der in Berlin lebt und lehrt und einige Bücher veröffentlicht hat. Sein Vorname ist Byung-Chul. Sein letztes Buch trägt den Titel "Psychopolitik"1.

In diesem Buch schreibt er: "Wir glauben heute, dass wir kein unterworfenes Subjekt, sondern ein freies, sich immer neu entwerfendes, neu erfindendes Projekt sind." (Seite 9) Damit will er sagen, dass der Mensch heutzutage meint, er könne sich selbst nach eigenen Vorstellungen und Wünschen entfalten. Ich bezeichne dies, wie Sie wohl bereits wissen, als "Selbstentfaltung" und halte es für eins der beiden Grundbedürfnisse jedes Lebenden Systems, natürlich auch des Menschen. Das andere Grundbedürfnis ist in meinen Augen das Überleben. Jedes Lebende System, also auch jeder Mensch, möchte möglichst lange leben und sich in dieser Zeit entfalten.

Herr Han ist nun allerdings der Meinung, dass das menschliche Individuum unserer heutigen westeuropäischen Gesellschaft, die er als "neoliberalistisch" charakterisiert, nur subjektiv glaube, sich frei entfalten zu können. In Wirklichkeit unterwerfe sich der Mensch nämlich inneren Zwängen. Er schreibt: "Das Ich als Projekt, das sich von äußeren Zwängen und Fremdzwängen befreit zu haben glaubt, unterwirft sich nun inneren Zwängen und Selbstzwängen in Form von Leistungs- und Optimierungszwang." (Seite 9)

Dass es Menschen gibt, die an inneren Zwängen leiden, wissen wir ja bereits spätestens seit Sigmund Freud. Dieses Phänomen wird in der Psychiatrie als "Zwangsneurose" bezeichnet. Der Zwangsneurotiker leidet allerdings an seinen verdrängten Aggressionen. Er kann seine Aggressivität nicht ausleben, wehrt sie ab und sein "Ich" (die psychische Instanz, die in diesem Fall unbewusst arbeitet) schafft eine Zensur, die verhindert, dass ihm dies bewusst wird. Die verdrängte Energie führt dann dazu, dass der Betreffende bestimmte Rituale vollzieht, beispielsweise sich laufend die Hände wäscht (=Waschzwang) oder putzt, alles übergenau in Ordnung hält (Ordnungszwang) oder bestimmte Dinge ständig kontrolliert (Kontrollzwang).

Han meint hier allerdings etwas anderes mit den Begriffen "Selbstzwang" und "Optimierungszwang". Unter "Selbstzwang" versteht er das Gegenteil von "Fremdzwang". Er will sagen, dass der Mensch nicht mehr von seinem Arbeitgeber, seinem Vorgesetzten oder dem Staat durch Gewalt bzw. äußeren Zwang oder Drohungen gezwungen wird, etwas zu tun, das er nicht tun will, sondern sich selbst zwingt, etwas zu tun. Als Philosoph, der Marxismus studiert hat, geht er davon aus, dass - zur Zeit als Marx lebte -, der Arbeiter ("Proletarier") aus finanzieller Not heraus gezwungen war, seine Arbeitskraft zu verkaufen und beispielsweise in einer Fabrik Geld zu verdienen, um sich und seine Familie zu ernähren. Den Mehrwert, den er mit seiner Arbeit schuf, eignete sich dann der Produktionsmittelbesitzer, der Eigentümer der Fabrik, an. Ein derartiger äußerer Zwang bestehe heutzutage gar nicht mehr, sondern das Individuum zwinge sich selbst, möglichst viel und möglichst perfekt zu arbeiten. Die Freiheit des Könnens erzeuge sogar mehr Zwang als das disziplinarische Sollen, schreibt er auf Seite 10. Denn das äußere "Soll" habe eine Grenze, das innere "Kann" hingegen nicht (auch Seite 10). Die Arbeit mache ihn (den Menschen) nicht frei, sondern er sei nun ein Knecht der Arbeit. "Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes System, die Freiheit selbst auszubeuten. Ausgebeutet wird alles … wie Emotion, Spiel und Kommunikation. … Erst die Ausbeutung der Freiheit erzeugt die höchste Ausbeute." (Seite 11). Der Mensch werde nun nicht mehr von einem anderen Menschen ausgebeutet (z.B. dem Fabrikbesitzer), sondern vom Kapital selbst. So formuliert Han: "Das Kapital beutet … die Freiheit des Individuums aus." (Seite 12) Und: "Vermittels der individuellen Freiheit verwirklicht sich die Freiheit des Kapitals. Somit wird das freie Individuum zum Geschlechtsteil des Kapitals degradiert." (Seite 12/13) Der industrielle Kapitalismus früherer Zeit sei nun zum "Finanzkapitalismus" mutiert. Das Individuum beute sich durch diesen Selbstzwang selbst aus. "Nicht die kommunistische Revolution, sondern der Neoliberalismus beseitigt die fremdausgebeutete Arbeiterklasse. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person.", schreibt er auf Seite 14. "Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in die Selbstausbeutung, … . Diese klassenlose Selbstausbeutung … macht … die soziale Revolution unmöglich … . " (Seite 15). Es formiere sich infolgedessen kein politisches Wir, das gemeinsam handele. (Seite 15) Han macht sich allerdings auch Gedanken über die Psyche des Menschen in unserer Zeit. Wer an diesem Selbstdruck scheitere und seine eigenen Anforderungen nicht erfülle, mache sich selbst dafür verantwortlich (Seite 16) und werde depressiv. "Im neoliberalen Regime der Selbstausbeutung richtet man die Aggression … gegen sich selbst." Der Ausgebeutete werde nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven. (Seite 16)

2. Meine Stellungnahme

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin

Den Begriff der Selbstausbeutung halte ich für sehr brauchbar zur Beschreibung der Änderungen zum vorherigen Wirtschaftssystem der Fremdausbeutung, in dem die Arbeitskraft des Individuums durch den Arbeitgeber oder seinen "Chef" ausgebeutet und zur Optimierung seiner Arbeitsergebnisse genötigt wurde. Zu klären wäre allerdings noch, wer in diesem System der Fremdausbeutung nun eigentlich der Ausbeuter war: war es ein Mitmensch, dem der Betrieb gehörte oder war es die finanzielle Lage der Menschen, die Arbeit und Geld benötigten, um zu überleben?

Wie Sie wissen, liebe Freundin, hat der Mensch, den ich als Lebendes System betrachte, zwei Grundbedürfnisse: er will überleben und er will sich entfalten. In unserer Gesellschaft benötigt er dafür Geld. Dies nicht erst seit heute, sondern auch schon in im 19. Jahrhundert, das durch die Industrialisierung unserer Gesellschaft geprägt war. Er kann sein Nahrung nicht mehr vom Baum pflücken wie sein evolutionärer Vorfahr, der Affe, sondern er muss sich sein Essen im Laden oder im Supermarkt kaufen und dafür bezahlen. Das Überleben kostet Geld. Und das Überleben ist Voraussetzung für die Selbstentfaltung. Auch die Erfüllung seiner Wünsche nach Bildung, Kunstgenuss und Kommunikation (Telefon, Internet) und die Befriedigung seiner Bedürfnisse nach schöner Kleidung und Erscheinung (Kosmetik), nach Gesundheit und nach Entfaltung der in ihm schlummernden Talente kosten Geld. "Ohne Moos nix los", wie der Lateiner sagt ;-). Moos, Knete Geld benötigt das Individuum zur Selbsterhaltung und zur Selbstentfaltung. Deshalb sind diese beiden Grundbedürfnisse auch der Motor dafür, zu lernen, sich auszubilden, sich eine Arbeit zu suchen und Geld zu verdienen. Leider muss man in der Jugend zunächst lernen und auf Entfaltung verzichten, damit man später "gut Geld verdient" und zur Erfüllung der genannten Wünsche möglichst wenig arbeiten muss. Der Tag hat nur 24 Stunden und je kürzer der Zeitaufwand für das Verdienen des erforderlichen Geldbetrags ist, desto mehr Zeit hat man für den Genuss, für das Geldausgeben, kurz gesagt: für die Selbstentfaltung. Das war in der "Disziplinargesellschaft" so – Han bezeichnet die Gesellschaftsform, in der der Mensch durch Drohung und Gewalt von außen zur Arbeit gezwungen wurde als solche – und das ist in der heutigen Gesellschaftsform der Selbstausbeutung ebenso. Was hat sich also geändert? Warum arbeitet der Mensch heute freiwillig mehr als er seinerzeit unter äußerem Druck gearbeitet hat? Warum beutet er sich heutzutage in stärkerem Maß selbst aus, als er zu früherer Zeit ausgebeutet wurde. Die Beobachtung des Kollegen Han teile ich. Dass dieses so ist, meine ich auch. Aber erstens scheinen mir die Gründe dafür von Herrn Han noch nicht vollständig erkannt worden zu sein. Und zweitens hat er bei der Beschreibung der äußeren realen Verhältnisse einen Punkt übersehen. Ich beginne bei Letzterem.

2.1. Die Wunscherfüllung auf Kredit

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin

Wir leben in einer Zeit des Banken- und Finanzsystems, in dem das Kapital sich dadurch vermehrt, dass verliehenes Geld mit einem Zinsaufschlag zurückgezahlt wird. Das ist ein alter Hut, werden Sie sagen. Richtig. Aber unbemerkt hat sich dabei etwas in den letzten Jahrzehnten geändert. Das verliehene Geld kommt nämlich in der Regel gar nicht in Umlauf ("Umlaufgeld"), wird kein real anfassbares Geld im Portemonnaie, sondern bleibt virtuelles Geld. Es besteht lediglich aus Zahlen auf dem Konto des Kreditnehmers. Dieser hebt es nämlich nicht ab, sondern begleicht damit Rechnungen, indem er "das Geld" überweist. Tatsächlich werden nun Zahlen mit einer anderen Kontonummer verknüpft. Die vorher ihrem Konto lesbaren Zahlen verschwinden und erscheinen auf einem anderen Konto, auf das Sie keinen Zugriff mehr haben. Arbeitslohn erscheint auch nicht mehr als reales Geld in einer Lohntüte, sondern wird gesetzlich geregelt als Zahl auf Ihrem Konto gutgeschrieben. Ab diesem Moment kann die Bank damit "arbeiten". Der Begriff "Arbeit" wird dadurch pervertiert. Er bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Bank dieses Geld mehrfach verleiht und dadurch natürlich auch mehrfach Zinsen für das gleiche "Geld" einnimmt, während Ihnen auf Ihrem Gehaltskonto nicht ein einziger Cent gutgeschrieben wird. Überziehen Sie jedoch das Konto, wird Ihnen ein horrender Zins, der oft über 10% beträgt, abgezogen.

Die Banken leben davon und das Kapital vermehrt sich dadurch, dass Zinsen gezahlt werden. Die Rückzahlung des Kredits ist nicht mehr erwünscht. Der "Gläubiger" hat gar kein Interesse daran, seinen Kredit zurückzuerhalten, sondern er ist interessiert daran, seine Geldforderung dem Kreditnehmer gegenüber möglichst lange aufrecht zu erhalten und Zinsen sowie Zinseszinsen zu kassieren. Davon lebt er sehr gut und sein Kapital vermehrt sich eben nur dadurch – die Rückzahlung des Kredits bedeutet das Ende der Gewinnperiode, das Ende der Kapitalvermehrung.

Deshalb werden Mittellosen und bereits Kindern Kredite angeboten. Das Individuum soll möglichst dazu verführt werden, seine Wünsche bereits zu befriedigen, ohne dass es das notwendige Geld zur Befriedigung dieser Wünsche erarbeitet hätte. Erfüllt sich das Individuum Wünsche mit geliehenem Geld, verdient nicht nur der Hersteller und der Handel am Verkauf einer Ware, sondern zusätzlich die Bank. Durch die Kreditaufnahme gerät der Mensch in eine Knechtschaft, in eine Abhängigkeit vom Kreditgeber, von den Banken. Er muss, wenn er sich einen Wunsch auf Kredit erfüllt, nun mehr bezahlen als den Kaufpreis. Er muss bei gleichem Stundenlohn nun länger arbeiten als er gemusst hätte, wenn er gewartet hätte, bis sein Geld gereicht hätte. Der Selbstzwang oder die Selbstausbeutung, die Han richtig beobachtet hat, ist also Folge des Nichtwartenkönnens. Die Selbstausbeutung hat also eine Ursache in der mangelnden Selbstbeherrschung des Individuums.

Die Selbstbeherrschung ist im Denken der Psychoanalyse und der Philosophie lebender Systeme eine Funktion des ICHs. Ein starkes ICH ist in der Lage, die Triebe des ES zu steuern und von deren Befriedigung vorübergehend abzuhalten. Das ICH kann abwägen, welche Vor- und Nachteile eine sofortige Triebbefriedigung hat und die Triebbefriedigung aufschieben.

Die Triebe des ES haben wir geerbt. Sie sind uns in die Wiege gelegt. Sie sind genetisch festgelegt. Aber ob sie sofort oder später oder gar nicht befriedigt werden, oder mit welchem Objekt sie befriedigt werden, darüber entscheidet das ICH. Das ICH trifft die Wahl zeitlich und es trifft auch die Wahl zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten, einen Trieb, ein Bedürfnis zu befriedigen.

Eine Gesellschaft, die durch eine Selbstausbeutung ihre Bürger gekennzeichnet ist, leidet also an einer ICH-Schwäche der überwiegenden Mehrheit seiner Mitglieder.

Das wäre der erste Kritik- oder Ergänzungspunkt an der Philosophie Hans, den ich Ihnen, liebe Freundin, darstellen wollte.

2.2. Das narzisstische Gleichgewicht

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin,

Die Psychoanalyse hat sich nach dem Tod von Sigmund Freud im Jahr 1939 weiterentwickelt. Die wichtigste neue Erkenntnis, die sie seitdem gewonnen hat, ist aus meiner Sicht, liebe Freundin, die Bedeutung des narzisstischen Befriedigungshaushalts für die psychische Gesundheit des Individuums. Der Mensch benötigt nicht nur sexuelle Befriedigung, um sich wohl zu fühlen, sondern auch narzisstische Befriedigung. Nach einem sexuellen Orgasmus tritt zunächst eine Refraktärphase ein. Das bedeutet, dass sich der Körper in dieser Zeit von der Erregung erholen muss und nicht erregungsfähig ist. Die Anzahl der Orgasmen hat daher eine Grenze. Der Mensch benötigt – mit anderen Worten -  nicht ständig sexuelle Erregung und Befriedigung. Auf sexuelle Befriedigung kann auch verzichtet werden.

Mit der narzisstischen Befriedigung ist das anders. Narzisstische Befriedigung erlebt der Mensch, wenn er gelobt wird, wenn er anerkannt wird, wenn seine Handlungen auf eine positive Resonanz stoßen oder seine Meinungen ein positives Feedback bekommen. Beim Säugling kann man auch der "Spiegelung" durch die Mutter sprechen, die für seine gesunde psychische Entwicklung erforderlich ist. Die Selbstbestätigung durch einen Mitmenschen führt zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls. Für sein seelisches Wachstum benötigt der Mensch diese Zufuhr narzisstischer Befriedigung wie die Nahrungsaufnahme zum körperlichen Wachstum. Das Gegenteil ist die narzisstische Kränkung. Je stärker ein Mensch von anderen abgewertet wird, je mehr er kritisiert wird, desto größer ist seine narzisstische Kränkung und desto mehr sinkt sein Selbstwertgefühl.

Die narzisstische Befriedigung verfliegt sehr schnell. Sie ist sehr kurzlebig und benötigt daher ständig Nachschub, um das narzisstische Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie kennt auch keine Grenze. Mehr Anerkennung bewirkt mehr narzisstische Befriedigung. Die narzisstische Befriedigung ist auf die Existenz anderer Menschen angewiesen, die ihre Anerkennung und Bewunderung durch verbale Zustimmung oder durch anerkennende Blicke, durch Beifall oder auch durch finanzielle Zuwendung zum Ausdruck bringen. Es handelt sich bei dem so verstandenen Narzissmus um den Wunsch nach Liebeszuwendung nichtsexueller Art und die Befriedigung, die aus dieser asexuellen Zuwendung entspringt. Ein Mensch, der sich von dieser Zustimmung seiner Mitmenschen unabhängig macht und sich mit seinem Eigenlob begnügt, kann als gestört angesehen werden und wird als "Narzisst" bezeichnet.

Das narzisstische Bedürfnis ist – im Unterschied zum sexuellen Bedürfnis  nie völlig zu stillen. Das Individuum kann nie genug davon bekommen. Narzissmus ist unstillbar. Man kann sagen: der Mensch hat eine angeborene Sucht nach narzisstischer Befriedigung. Deshalb ist es besonders wichtig, den Umgang mit Enttäuschungen zu erlernen. Was uns nämlich die Natur nicht mitgegeben hat, müssen wir erlernen. Wenigstens diese Lernfähigkeit hat uns die Natur mitgegeben. Fähigkeiten können wir durch Training verbessern. Dies gilt nicht nur im positiven Sinn, dass wir durch Übung und Training sportliche Fähigkeiten verbessern können, sondern wir können auch unseren Umgang mit Enttäuschungen, Niederlagen und Kränkungen durch Übung (Lernen) verbessern und lernen, narzisstische Kränkungen besser zu ertragen. Dieser Lernvorgang beginnt in der Kindheit, indem die Eltern (z.B. aus finanziellen Gründen) nicht alle Wünsche des Kindes befriedigen können. Der Erwachsene übt diesen Umgang mit Enttäuschungen ständig, indem er sich selbst entscheidet, auf welche Wunschbefriedigungen er verzichtet und welche Wünsche er sich mit Hilfe seiner begrenzten Geldmenge erfüllt. Die Begrenzung der Geldmenge hat nämlich einen erzieherischen Effekt auf den Erwachsenen. Anders ausgedrückt: Verzicht auf Wunschbefriedigung stärkt das ICH. Verzichten lernen heißt, sein ICH stärken.

Der Wunsch nach Anerkennung oder allgemeiner formuliert: die narzisstischen Wünsche sind allerdings der Grund für die Neigung des Menschen, sich konform zu verhalten. Han kritisiert den Menschen wegen seines Konformitätsverhaltens, seiner Tendenz, sich der Mehrheit, der Masse, anzuschließen. Hinter diesem Verhalten steckt aber dieser natürliche angeborene Wunsch nach möglichst viel Anerkennung.

Man kann daher sagen: Wer ein schwaches ICH hat und dadurch die Befriedigung seiner narzisstischen Wünsche nicht aufschieben kann, neigt einerseits zur Verschuldung (siehe oben) und ist andererseits besonders anfällig für konformes Verhalten. Die narzisstische Befriedigung, die er nicht durch käuflich zu erwerbende Genüsse und materielle Anschaffungen erlangen kann, erwirbt er durch konformes Verhalten, weil er dadurch besonders viel Bestätigung durch positive Rückkopplung seiner Meinung durch möglichst viele Mitmenschen erlangt.

2.3. Die Bedeutung des Geldes

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin

Ich hatte oben bereits die finanzielle Not erwähnt, die den Menschen zur Aufnahme einer Arbeit nötigt. Der Mensch richtet seine Aggressionen von Natur aus auf einen äußeren Feind, ein äußeres Objekt. Würde er sie gegen sich selbst richten, würde er depressiv erkranken. Das sieht auch Herr Han so. In der "Disziplinargesellschaft" war es leicht, einen äußeren Feind auszumachen. Marx teilte in seiner Philosophie die Gesellschaft in zwei Klassen und half der Masse der arbeitenden Menschen, einen "Klassenfeind" ausfindig zu machen, so dass die Aggressivität der Arbeiterklasse einen äußeren Feind hatte, auf die sie ihre Wutgefühle richten und sich "solidarisieren" konnte. Bis vor nicht allzu langer Zeit gab es ja noch einen deutschen Staat, der diese Klassenideologie vertrat. Aus Sicht meiner Philosophie, liebe Freundin, muss man sich jedoch von dieser Personalisierung lösen, da sie nicht objektiv ist. Tatsächlich benötigt das Individuum nach wie vor Geld, um seine Wünsche zu befriedigen, um seine Selbsterhaltung zu sichern und seine Selbstentfaltung zu finanzieren. Die Geldmenge, die der Mensch als Gegenleistung für seine Berufstätigkeit erhält, begrenzt seine Entfaltungsmöglichkeiten, so dass er sich nicht alle Wünsche erfüllen kann und auswählen muss, welche ihm wichtiger sind. Es kann jedoch darüber hinaus Geldmangel eintreten. Dies ist ein Zustand, in dem das zur Verfügung stehen Geld nicht einmal zur Selbsterhaltung ausreicht. Vor dieser Situation, dass sein Geld nicht zum Überleben ausreicht, hat das Individuum Angst. Lebende Systeme des Typs "Tier" müssen sich einerseits vor dem Hungertod fürchten und ständig Nahrung suchen, zusätzlich müssen Tiere, die als Nahrungsquelle für fleischfressende (besser gesagt: Tiere fressende) Tiere in Frage kommen, sich vor ihrem Fressfeind fürchten. Letzteres muss der Mensch nicht mehr, aber die Furcht vor dem Hungertod ist tief im Unbewussten des menschlichen Individuums verwurzelt und wird in und nach jedem Krieg erneut aktiviert. Die reale Furcht überträgt er im Zeitalter des Geldes auf den Zustand des Geldmangels. Und dieser Geldmangel muss real befürchtet werden, wenn das Individuum seinen Arbeitsplatz, seine Geldeinnahmequelle, verliert. Die Gesellschaft hat zwar Sicherungen geschaffen, um den Einzelnen im Falle des Arbeitsplatzverlustes vor akutem Geldmangel zu schützen und sichert auch im Falle der Mittellosigkeit das Überleben ("Sozialhilfe", aktuell in der BRD "Hartz 4"). Diese Sicherungen helfen jedoch dem psychisch gesunden Individuum nicht, seine tief verwurzelte latente Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust abzulegen. Das "Regime", wie Han es nennt, sorgt auch dafür, dass dem Einzelnen durch die Medien ständig beispielhaft vorgeführt wird, was aus ihm werden kann, wenn es zum Empfänger staatlicher Unterstützung wird.

Kurz gesagt, liebe Freundin: Es ist nicht nur der Wunsch nach Bestätigung und Anerkennung, der das Individuum dazu motiviert, in seiner Arbeit Höchstleistungen zu erbringen, weil er daraus einen narzisstischen Gewinn erzielt, sondern es ist andererseits die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust, die ihn zur Selbstoptimierung und Selbstausbeutung antreibt. Es ist aus meiner Sicht nicht die "Freiheit des Könnens" (Han, Seite 10), die sogar mehr Zwang als das disziplinarische Sollen erzeugt, sondern es ist einerseits die Furcht vor dem Geldmangel und andererseits die Hoffnung auf Anerkennung. Der Arbeitslohn stellt an sich bereits eine Anerkennung dar, wenn er der Leistung des Individuums gerecht wird. Anderenfalls kann er auch kränken. Darüber hinaus nutzt der Mensch ihn zur Vergrößerung seines materiellen Körpers durch Anschaffung körperexterner Organe ("Eigentum") und zur Finanzierung von Vergnügungen. Beides sind Aspekte, die sein Selbstwertgefühl erhöhen und zu narzisstischer Befriedigung führen.

3. Ausblick auf meine Philosophie

Wie sie eventuell bemerkt haben, liebe Freundin, ordne ich in meiner Philosophie dem bereits erwähnten zweiten Grundantrieb eines lebenden Systems, dem ständigen Verlangen nach Vergrößerung, dieser von der Psychoanalyse entdeckten narzisstischen Befriedigung zu: bei gelingendem Wachstum erlebt der Mensch narzisstische Befriedigung.

Wie Sie vermutlich schon wissen, habe ich etwa 10 Jahre lang über die Frage nachgedacht, warum das Wachstum des lebenden Köpers des Menschen irgendwann aufhört (wenn er nämlich "erwachsen" ist), wo der Mensch doch entsprechend meiner Vorstellung von der Selbstentfaltung als ständig vorhandenem Antrieb immer weiter wachsen müsste.

Die Antwort auf diese Frage war, dass zwar das Wachstum des lebenden Körpers aufhört, dass sich das materielle Wachstum danach jedoch im Erwerb von Eigentum und Geld fortsetzt. Das ICH als geistiges Zentrum des menschlichen Individuums hat heute nicht nur einen lebenden Körper zur Verfügung hat, um seine Wünsche zu erfüllen, sondern es verfügt zusätzlich über körperexterne nichtlebende Organe, die ihm helfen seine Selbstentfaltung fortzusetzen. So kam ich dazu, vom System Mensch zu sprechen, das aus seinem lebenden und seinem nichtlebenden materiellen Körper sowie aus seinem Geld und seinem Geist besteht. Denn auch der Geist des Individuums wächst ständig weiter.

4. Die Gesellschaftskritik

Sehr geehrte Dame, liebe Freundin

Han ist ein gesellschaftskritischer Philosoph. Kritisieren setzt voraus, dass der Kritisierte eine Handlung vollzieht, für die er verantwortlich ist. Han betrachtet "das Regime" demnach als aktiv Handelnden. Er schreibt: "Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in die Selbstausbeutung …" (Seite 15). "Wir steuern heute auf das Zeitalter digitaler Psychopolitik zu. Sie schreitet von passiver Überwachung zu aktiver Steuerung fort. … Betroffen ist der freie Wille selbst." (Seite 22) "Je größer die Macht ist, desto stiller wirkt sie." (Seite 25) . "Motivation, Projekt, Wettbewerb, Optimierung und Initiative gehören in die psychopolitische Herrschaftstechnik des neoliberalen Systems." (Seite 30) Das neoliberale Regime beute die Psyche aus. "Aus Big Data lässt sich nicht nur das individuelle, sondern auch das kollektive Psychogramm, womöglich das Psychogramm des Unbewussten herstellen." Die Psyche werde "bis ins Unbewusste ausgeleuchtet und ausgebeutet. (Seite 35) "An die Stelle des rationalen Managements tritt das emotionale Management." (Seite 66) "Der Dataismus führt zu einem digitalen Totalitarismus." (Seite 80)

Bei aller Zustimmung zu den Beobachtungen Hans kann jedoch eine moralische Wertung nicht übersehen werden, so dass der Eindruck entsteht, Han ergreife Partei gegen die moderne Entwicklung, gegen das neue Regime. Abgesehen von dieser moralischen Wertung widerspricht Han hiermit seinem Ausgangspunkt, nämlich der richtigen Beobachtung, dass sich die Menschen selbst ausbeuten und sich freiwillig selbst im Internet, beispielsweise bei "facebook" oder auch nur durch Eingabe von Suchbegriffen bei "google", entblößen.

Handelt es sich nämlich um Selbstausbeutung, Selbstüberwachung und Selbstzwänge (Leistungs- und Optimierungszwang), Selbstentblößung usw., so wären die Individuen die Verantwortlichen für dieses Handeln. Und wenn ihm dieses nicht gefällt, müsste er die Individuen kritisieren. Was kann denn das Regime dafür, wenn sich die Individuen selbst ausbeuten? Offensichtlich nutzt das Regime lediglich diese Tendenz zu Selbstausbeutung und Selbstentblößung aus, um damit Gewinne zu machen. Ob man das für normal und legitim hält oder es kritisiert, ist sozusagen Ansichtssache. Wenn Han dies kritisiert, ist er offenbar der Meinung, dass das "Regime" eigentlich moralisch handeln sollte. Und da gerät er in Widerspruch zur meiner Philosophie Lebender Systeme.

Diese geht davon aus, dass auch Lebende Systeme höherer Ordnung, also Staaten, Religionsgemeinschaften - oder auch "Regime" - ebenso wie lebende Systeme der Größenordnung Individuum - den beiden Handlungszielen Selbsterhaltung (Überleben) und Selbstentfaltung (Vergrößerung) unterliegen. Also auch ein Finanzregime ist als Lebendes System höherer Ordnung bemüht, sich ständig zu vergrößern, also immer mehr Kapital anzusammeln.

Man mag es bedauern, aber Lebende Systeme dieser Größenordnung kennen gar keine Moral, die sie motivieren könnte, sich selbst Einhalt zu gebieten. Nur der Mensch, das Individuum, kann sein Verhalten nach einem moralischen Maßstab beurteilen und steuern. "Regime", Staaten, Religionsgemeinschaften und andere Lebende Systeme höherer Ordnung haben keine Moral und können daher ihr Verhalten nicht nach moralischen Maßstäben ausrichten. Daraus kann man ihnen keinen Vorwurf machen, genau so wenig, wie man dem Wasser nicht vorwerfen kann, stets bergab zu fließen. Wasser ist nämlich auch ein System höherer Ordnung, allerdings kein lebendes. Es besteht aus Wassermolekülen, die vergleichbar sind mit den Individuen Lebender Systeme höherer Ordnung.

5. Schlussfolgerung

Liebe Freundin,

Die Schlussfolgerung könnte wertneutral betrachtet darin bestehen, an die Individuen zu appellieren, sich zu ändern. Ich würde sagen, die Menschen sollten mehr lernen, Enttäuschungen zu ertragen, sollten ihr ICH stärken und sich nicht in dem Maß von Lob und Anerkennung abhängig machen, wie sie es derzeit in ihrer großen Mehrheit tun. Sie sollten allerdings auch lernen, mit Verlusten umzugehen, vorübergehende Kränkungen zu ertragen und in der Lage sein, ihre Ansprüche im Falle eines Arbeitsplatzverlustes herunterzuschrauben.

Dabei müssen die Individuen nicht gleich zu "Idioten" werden, wie Han meint. "Der Idiot als Häretiker ist eine Figur des Widerstandes gegen die Gewalt des Konsenses." (Seite 109) Ein Mensch der sich dem Konformitätszwang nicht unterwirft (ein Abweichler =Häretiker) muss nicht in Widerstand zum System treten, sondern muss, wie gezeigt, sein ICH stärken, um frei darüber entscheiden zu können, welche Bedürfnisse für ihn wichtig sind und für welche Bedürfnisbefriedigung er das ihm zur Verfügung stehende Geld ausgibt. Das Geld, die vom Individuum selbst verdiente und ihm zur Verfügung stehende Geldmenge, ist begrenzt und begrenzt dadurch seine Befriedigungsmöglichkeiten und Entfaltungsmöglichkeiten. Die Begrenztheit der Geldmenge zwingt das Individuum, Entscheidungen zu treffen. Das stärkt sein ICH. Durch Kreditaufnahme wird diese Funktion des Geldes aufgehoben und die Steuerung der Selbstentfaltung geht vom ICH auf die Bank, den Kreditgeber, über. Auch die Stärkung des Selbstwertgefühls durch die Spiegelung in einer Gruppe, einem Lebenden System höherer Ordnung, birgt Gefahren. Die Steigerung des Selbstwertgefühls durch die Anerkennung der Gruppenmitglieder, der narzisstische Gewinn durch das positive Feedback der Gemeinschaft, kann dazu führen, dass die Autonomie des ICHs verloren geht und das Individuum zum willigen Werkzeug dieser Gruppe wird, sein Selbst aufgibt. Der Konformitätszwang, den Han beschreibt, hat seine Wurzel in diesem Wunsch, durch das Aufgehen in einer Gemeinschaft an deren Erfolgen teilzunehmen und dadurch narzisstischen Gewinn zu erzielen, der das Selbstwertgefühl stärkt.

Ich kann Ihnen nur raten, liebe Freundin, hüten Sie sich vor dieser Art von Gemeinschaften, denn ehe Sie sichs versehen haben, haben Sie dort Ihr unbemerkt Ihr ICH verloren und die Gemeinschaft schreibt Ihnen vor, was Sie zu denken und zu tun haben. Bleiben Sie eine "Singularität", wie Han sich ausdrückt, dann kann ich Sie auch weiterhin als "meine Freundin" bezeichnen.

Rudi Zimmerman, Berlin im Februar 2015

Nachtrag:
welche Folgen die von Byung-Chul Han beschriebene Selbstausbeutung haben kann, sieht man an dem Fall des Copiloten
Andreas Lubitz, der trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung am 24.3.2015 seinen Dienst antrat und sein Flugzeug gegen einen Berg in den Alpen flog, womit er sich und 149 andere Menschen tötete.

1 Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. S.Fischer. Frankfurt am Main. 4. Auflage. Okt 2014. ISBN 978-3-10-002203-5.

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