Das Realitätsprinzip

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Die Bedeutung des Nuckels

 

Das Realitätsprinzip und die Zerstörung des Systems Erde

Das Instanzenmodell der menschlichen Psyche

Sigmund Freud hat das Ich als Mittler zwischen den Triebbedürfnissen (= das "Es") und den Ansprüchen der Gesellschaft (= das "Über-Ich") bezeichnet. Dieses Modell der menschlichen Psyche lege ich zugrunde und erläutere es zunächst in meinen Begriffen.

Unter dem "Es" verstehe ich alle biologischen Bedürfnisse, die genetisch vererbt sind und das Verhalten des Individuums durch Rückkopplung mittels positiver und negativer Gefühle steuern. Das sind nun nicht nur "libidnöse" Triebbedürfnisse (also das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung), wie die Psychoanalyse meint, sondern es sind auch das Bedürfnis nach Homöostase, also danach, den Körperzellen ein Leben in Frieden zu garantieren und das Bedürfnis danach, mit den Mitmenschen in Frieden zu leben – das könnte man als äußere Homöostase bezeichnen. Aristoteles spricht von Eudämonie.

Wird diese innere und äußere Homöstase gestört, treten unangenehme Gefühle (Hunger, Durst, Schmerz-, Angst- Furchtgefühle) auf, die das Individuum zu vermeiden sucht. Nähert sich der Körper dem Zustand innerer oder äußerer Homöostase an, so treten positive Gefühle auf, wie Zufriedenheit, Sättigungsgefühl, Glücks- oder Lustgefühle. Heute wissen wir, dass derartige Gefühle über die Ausschüttung verschiedener Hormone erzeugt werden. Über Sinnesreize, Gehirn und inkretorische Drüsen wird die Zusammensetzung verschiedener Hormone, die in der Blutbahn kreisen und alle Zellen informieren, modelliert, was die unterschiedlichen Gefühle von Angst bis Lust hervorruft und dadurch das Verhalten des Individuums steuert.

Die Konstituierung des Über-Ichs und des Realitätsprinzips durch Lernen

Nach seiner Geburt ist das Individuum den Rückkopplungshandlungen seiner Mitmenschen ausgesetzt und lernt nun, welche seiner Handlungen mit positiven Gefühlen belohnt werden und welche Handlungen dadurch bestraft werden, dass die Mitmenschen auf eine Weise reagieren, die zu Unlustgefühlen führt. Lächelt das Kind beispielsweise, so wird dieser Gesichtsausdruck von seiner Mutter nicht nur durch zurücklächeln belohnt, sondern auch mit anderen Handlungen, die zu positiven Gefühlen führen, wie das andrücken an die weiche Brust oder das Geben von Milch. (Bei der Mutter löst dieses Lächeln natürlich auch eine Hormonreaktion aus, die ihr mütterliches Verhalten steuert). Auch andere anwesende Personen werden durch dieses Lächeln bewegt. Letztlich kommt es immer darauf an, welches Verhalten im Mitmenschen ausgelöst wird. Das Verhalten der Mutter (Brust geben) führt dann beim Säugling zu Sättigungsgefühlen und zu Lustgefühlen, also zu positiven Gefühlen, die der Körper hormonell steuert. Diese positive Rückkopplung belohnt das Verhalten des Säuglings, der nun lernt, dass lächeln mit Verhalten der Mitmenschen belohnt wird, also zu positiven Gefühlen führt. Allerdings ist dieser Lernvorgang auch Störfaktoren unterworfen, die u.a. allgemein als Nachrichtenübermittlungsproblem betrachtet werden können. Der Säugling sendet nämlich mittels optischer (wie hier) oder akustischer Signale (wenn er schreit) ein Botschaft an die Umwelt, die erstens von verschiedenen Empfängern (Personen) unterschiedlich verstanden werden kann, aber auch von der gleichen Person, hier der Mutter, verschieden verstanden werden kann. Der Empfänger einer Botschaft entscheidet nämlich über den Inhalt der Botschaft. Seine Handlung ist nicht direkt Folge der Botschaft, so wie sie vom Sender gemeint war, sondern zunächst einmal muss der Empfänger die Botschaft verstehen, seine Reaktion resultiert nämlich aus dem, was er verstanden hat. Ein Lächeln des Säuglings könnte auch als Kritik ("belächeln") einer gegenwärtigen Handlung verstanden werden, so dass die Mutter mit Ablehnung reagiert, oder auch als Annäherungsversuch, so dass eine gegengeschlechtliche Person sich sexuell erregt fühlt und nun am Kind sexuelle Handlungen vollzieht. Dies sind nun extreme Beispiele, die jedoch bisweilen auftreten, wenn erwachsene Personen auf kindliches Verhalten so reagieren, als wenn das Kind auch erwachsen wäre. Es kommt also beispielsweise darauf an, dass erwachsene Mitmenschen sich in den Säugling oder das Kind einfühlen. Und dieses Einfühlungsvermögen wird ebenfalls hormonell gesteuert (z.B. durch Oxytocin). Reagiert die Mutter auf das Schreien des Säuglings, das beispielsweise durch ein Brennen am Po auslöst wird, damit, dass sie ihm die Windel wechselt und damit den Schmerzreiz beseitigt, so lernt der Säugling, dass das Schreien "Erfolg" hatte und signalisiert auch bei der nächsten Schmerzempfindung diesen Zustand durch Schreien. Wenn nun diesmal der Schmerzreiz ein Druckschmerz ist, erfordert dies von der Mutter eine andere Reaktion zur Beseitigung des Schmerzreizes.

Es handelt sich beim "Lernen" also nicht nur um das Speichern eines Zusammenhangs von Aktion (Lächeln oder Schreien) und Reaktion der Umwelt bzw. der Gefühle, die durch diese Reaktion hervorgerufen werden, sondern um eine Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt mit dem Ziel, durch immer spezifischere Aktionen die Reaktionen hervorzurufen, die das Individuum sich wünscht. Hierbei ist nun allerdings sehr entscheidend, dass es nicht spezifische Handlungen der Umwelt sind, die das Individuum mit Hilfe seiner Handlungen zu erzeugen beabsichtigt, sondern die Absicht des Menschen ziehlt auf die Erzeugung von Gefühlen, die er erlebt.

Das Ziel menschlicher Handlungen

Ganz klar und drastisch formuliert heißt das:

Der Säugling will nicht die Milch der Mutter oder ihre Brust, sondern der Säugling will Sättigungsgefühl, Wohlbehagen und Lustgefühl erleben. Milch, Essen oder Sex sind nur Mittel zum Zweck, Zweck ist das Erleben von Befriedigung, und Glücksgefühlen. Er will, dass der Hunger und der Durst und der Schmerz am Po weggehen (Schmerzvermeidung). Der Mensch sucht Lust, Wohlbehagen und Glück und will Schmerz und Angst vermeiden. Letzteres setzt nun noch eine Gedächtnisleistung voraus. Der Säugling speichert Informationen darüber, welche seiner Handlungen mit welchen Reaktionen der Umwelt beantwortet werden, die zu Unlustgefühlen führen und er speichert Handlungseaktionen, die ihm Glücksgefühle verschaffen. Dies ist ein Prozess, der mit Differenzierungen verbunden ist, also mit Erinnerungen darüber, welche Person auf gleiche Handlungen wie reagiert, denn Person A könnte anders reagieren als Person B usw.. Der Mensch vermehrt also im Lernprozess Information über Reaktionen der Umwelt und die Gefühle, die diese Reaktionen erzeugen und das hat den Zweck, in Zukunft Unlustgefühle bereits vorab dadurch zu vermeiden, dass er Handlungen unterlässt, die zu Unlust führen und möglichst so handelt, dass er in Zukunft mehr Glücksgefühle erwarten kann.

Dies war nun eigentlich nur eine Beschreibung dessen, was Freud als Lustprinzip und Unlustvermeidung und im Ergebnis als Installierung des "Realitätsprinzip" bezeichnet, eines Prinzips, nach dem das "Ich" als psychische Instanz das Verhalten des Individums so steuert, das Unlusterleben nach Möglichkeit vermieden wird und möglichst viel Glücksgefühle erlebt werden. Die geistige Vorwegnahme von Handlungsergebnissen (also möglichem Lust- oder Unlusterleben) in der Phantasie und die Steuerung der konkreten Handlungen im Sinne dieses Realitätsprinzips setzt die Kenntnis von Bestrafungs- und Belohnungsregeln der Gesellschaft voraus. Und dieses Wissen über Reaktionen der Mitmenschen und die Gefühle, die dadurch asgelöst werden, ob bewusst oder unbewusst, ist in einem bestimmten Teil des Gedächtnisses gespeichert, das Freud als "Über-Ich" bezeichnet. Dieses Über-Ich zensiert dann die intendierten Handlungen und lässt nur solche Handlungen zu (gewährt ihnen den Zugang zur Motorik) die der "Triebökonomie" zuträglich sind. Handlungen, die in Anbetracht der gesellschaftlichen Verhaltensregeln zu Unlustgefühlen führen könnten, werden nicht zugelassen und Handlungen, die im Ergebnis zu Lustvermehrung bzw. Steigerung der Glücksmenge führen, werden vollzogen – unabhängig von deren Nutzen oder Schaden, den diese Handlungen für andere Personen oder für die physikalische Umwelt, die "Natur", haben.

Kritik an der Neutralität von Psychotherapie

Was ich hier betonen möchte ist die "Neutralität" dieser Betrachtungsweise, die das Erleben des Individuums in den Vordergrund rückt und die gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die Folgen dieses Realitätsprinzips für die Natur, das System Erde, völlig außer acht lässt.

Die "Stärkung" des Ichs und die Bewertung des Handelns am Realitätsprinzip, auf das psychoanalytische Therapie hier abzielt, stellt eine Anpassung an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse dar, die nämlich solche Verhaltensweisen belohnt, die der Gesellschaft genehm sind. Je stärker sich das Individuum den Interessen der Gesellschaft, in der es lebt, unterwirft, desto mehr Bestätigung und Glücksgefühle erhält es, und desto besser vermeidet es Bestrafungen, Zurücksetzungen und Kränkung, also Unlusterlebnisse. Der Richter über das Handeln ist also die Gesellschaft mit ihren Regeln, unabhängig davon, ob es sich um eine Demokratie, eine Diktatur oder eine Gesellschaft handelt, die die Natur terrorisiert, das System Erde zerstört.

Das Individuum wird hier als kleinste Zelle eines Systems Staat betrachtet, dessen Regeln über die Verteilung von Lustgefühlen und Angstgefühlen, die das Verhalten der Individuen über deren Ausschüttung von Glückshormonen und Furcht auslösenden Substanzen steuern, oberstes Gebot sind. Die gesellschaftlichen Verteilungsgewohnheiten von Bestätigung für erwünschte und Kränkung für unerwünschte Verhaltensweisen werden kritiklos übernommen. Und wie man täglich beobachten kann, führen diese mit ihrer Vergötterung von materiellem Wachstum im westlichen Kulturbereich und der gottgläubigen Produktion eines gewaltigen globalen Überschusses von Nachwuchs in Kulturen mit geringem Wohlstand zur Zerstörung des Planeten Erde, des Systems-Erde, die sich in einer langsamen Erderwärmung ankündigt.

Rudi Zimmerman

 

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